#3 Unendlich viel – trotzdem nah

Sie sind so ganz anders, die trotzdemnah-Plakate, die uns durch diese besondere Adventzeit im Corona-Jahr 2020 begleiten. Illustriert und lebensnah, das ist klar. Außerdem verbirgt sich das ein oder andere Detail dahinter. Unser Redakteur David Pernkopf wagt eine Annäherung und Interpretation.

Fenster und Raum

Wieder ist es die wohlbekannte Szene vor dem Fenster. Ein kleiner Raum, aber viel an Menschen, Dingen und Aufgaben. Das Sujet will die „Verinselung“ und „Verhäuslichung“ mit ihren sehr begrenzten Möglichkeiten und Ausgangsbeschränkungen erfassen: Das Wohnzimmer wird zum eigentlichen Lebensraum. Die Enge des Raums vermittelt, dass sich in den Familien etwas abspielt, das mit dem Selbsterleben mit all seinen Zukunftsaufgaben, der Liebesfähigkeit, Achtsamkeit und Auseinandersetzungsbereitschaft einer Gesellschaft zu tun hat.

Familie rund um die Couch

Unser Blick geht diesmal zu den jungen Familien. Während ältere Menschen zu vereinsamen drohen, bricht in vielen Familien der Lagerkoller in den eigenen vier Wänden aus. Viele Familien schildern uns ihren täglichen Familienwahnsinn während des Lockdowns. Viele erzählen von Situationen der Frustration und Überforderung. Zur Herausforderung von zu Hause aus zu arbeiten, den Schulunterricht für die Kinder zu organisieren, den Haushalt zu schmeißen, für Struktur und Abwechslung im Corona-Alltag zu sorgen kommt auch noch das Thema der Mental Load, der Überlastung im Moment. Nicht nur des Gehirns, das mit To-dos und allen möglichen Überlegungen jonglieren muss, sondern auch des Gefühlslebens.
Unser Sujet will diese Gemütslage abbilden. Das Chaos des Wohnraums und der äußeren Lebenswelt Familie soll auch den Zustand der Erschöpfung und Überforderung als ein Gefühl der inneren Ohnmacht widerspiegeln: das sich stapelnde Geschirr, der überfüllte Wäschekorb und die Schulbücher auf dem Tisch.

Unendlich viel?

Für viele gleicht das Leben zurzeit einer unendlichen To-do-Liste. Die Aufgaben werden immer mehr statt weniger. Homeschooling, Arbeit, Beziehung und Familie. Die unendliche Liste erregt Schwindel und verursacht Ohnmachtsgefühle.

Auch die Hauskirche (Adventkranz) muss noch bedacht werden – aber eigentlich schlafen schon alle ein. Eine Szene, wie sie derzeit alltäglich ist. „Wir sind am Anschlag“, sagen viele. Halten wir persönlich, gesundheitlich, wirtschaftlich, als Familie durch? Halten wir durch oder schlafen wir ein?

Trotzdem strahlt die Szene eine paradoxe Ruhe und Harmonie aus. Es ist aber nicht die statische Ruhe des Orkanauges, sondern die Serenität, die sich im Moment des Loslassens einstellt. Das Goldgelb des Sterns, das den Raum flutet, bringt das zum Ausdruck. Auch wenn wir alles und noch mehr tun müssen, hängen die entscheidenden Dinge nicht von uns ab. Das Licht bricht sich Bahn, ob wir geschäftig sind oder schlafen. Die eigene Überforderung und Ohnmacht zur Sprache bringen, kann heißen, auch Gott wieder ins Spiel zu bringen. Gott wieder ins Spiel bringen heißt, uns selber wieder ins rechte Maß setzen. Nur in dem, was wir sind, was unsere Größe und Schwäche, unser Vorzug, aber auch unsere Mängel sind, können wir Gott wiedererkennen: Wir sind Geschöpfe und vergänglich, wir sind liebesbedürftig und verwundbar. Das macht uns aus, das überdauert und währt länger als der Glaube, dass alles verfügbar, beherrschbar und kontrollierbar ist. „Gott wird Mensch“ ist theologischer Ausdruck dieser Erkenntnis. Dann sehen wir, was Gott an uns durch Weihnachten macht: das Wagnis der Verwundbarkeit anstatt des Glaubens an die Verwendbarkeit des Lebens. Das reicht in alle Bereich hinein und vor allem in Anfang und Ende des Lebens, aber auch dort, wo die anderen Werte festsitzen: Leistung, Optimierung und Gefallsucht.

Schultasche und Computer

Welche anderen Gebrauchsgegenstände symbolisieren die Situation von Homeoffice und Homeschooling deutlicher als Laptop und Schultasche. Diese beiden Dingsymbole sind zu einer Repräsentation der neuen Normalität geworden.

Die offenen Augen und der Stern

Auch wenn alle schlafen. Das Kind mit den offenen Augen wacht stellvertretend, will uns das Sujet suggerieren. Das Kind ist auch Protagonist des biblischen Wachens und Ausschauhaltens: Wenn Unsicherheit, Unglück und Bedrohung wachsen, wächst die Sehnsucht nach Erlösung. Die Sehnsucht nach Gott muss wachsen, ja sie muss unerträglich werden, wie es der Prophet Jesaja in die Stille schreit:

Reiß doch den Himmel auf und komm herab, sodass die Berge zittern vor dir.Die Bibel (Jes 63,19)

Aber wie kommen wir zu einer Sehnsucht nach Gott? Blicken wir nochmals auf den Propheten Jesaja und seine Situation, das Elend seiner Gegenwart: Das Land ist Beute von Fremdherrschaft. Wohin auch immer die fremden Mächte Israel mit dem Stock treiben, dahin stolpert es. Und: In der Dunkelheit findet man keinen Weg, man lebt in ständiger Unsicherheit und Furcht. Was mag kommen? Das Gefühl, in einem dunklen Raum zu sein, kennen wir. Ohnmacht macht sich breit, weil andere Mächte die Richtung vorgeben und den Handlungsspielraum einengen, die Selbstwirksamkeit lähmen. Ähnlich unserer Situation.

So begrüßt das wachende Kind den Stern. Der Stern, auch wenn keiner hinsieht, leuchtet und wärmt durch das Fenster. Die Erfüllung bricht sich Bahn, auch wenn es keiner bemerkt und alle durch ihr Leben und Leiden abgelenkt sind. Der tote Winkel von Betlehem hat einen weiten Radius.

 
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