#4 Unendlich nah

Sie sind so ganz anders, die trotzdemnah-Plakate, die uns durch diese besondere Adventzeit im Corona-Jahr 2020 begleiten. Illustriert und lebensnah, das ist klar. Außerdem verbirgt sich das ein oder andere Detail dahinter. Unser Redakteur David Pernkopf wagt eine Annäherung und Interpretation.

Kind auf Stroh

Das auf Stroh gelagerte Neugeborene schwebt förmlich im Raum. Losgelöst von allem Schweren, Ankerpunkten und allen Haltegriffen. Es kommt uns aus der Sternennacht des Kosmos förmlich entgegen. Eine Himmelsgeburt. Die ganze Welt und der ganze Kosmos haben mit diesem neuen Leben zu tun. Mit diesem Neustart in einem Kind. Es weckt Hoffnung und soll zum Lächeln bringen. Alles fängt neu an. Mit jeder Geburt. Mit der Geburt Gottes in Jesus ganz besonders. Nichts steht zwischen dem Betrachter und dem Kind. Es ist zum Angreifen nahe. Wie nähere ich mich dem Kind? Wie gehe ich mit Weihnachten um? Ganz grundsätzlich und besonders heuer.

Gegenstände und Dingsymbole: Maske, Schultasche, leeres Bild

Die rund um das Neugeborene angeordneten Gegenstände sollen ausdrücken: Wie die Sterndeuter dem Kind ihre Gaben darbringen, können auch wir das, was wir gerade mittragen, dem Mensch gewordenen Gott überlassen. Unsere Ängste und unser Verzicht sind in der Maske symbolisiert. Frustrationen und Überforderungen des Familiengeschehens finden in der Schultasche ihre Entsprechung. Verluste und Entbehrungen im leeren Bilderrahmen. In diesen Gegenständen manifestieren sich Opfer, die jeder von uns gerade bringt und bringen muss. Da ist zum einen der Verzicht. Verzichten, um die Corona-Infektionen zu senken, das fordert die Politik von uns. Auch dann, wenn man persönlich eine gute Chance auf einen symptomlosen Covid-19-Verlauf hätte. Und auch wenn die Chance hoch wäre, dass die Nichteinhaltung der Kontaktbeschränkungen folgenlos und unentdeckt bliebe. Es ist also vor allem eine moralische Verpflichtung, Verzicht zu üben. Und damit tun wir uns schwer. Verzicht in diesem Sinne bedeutet also nicht Unterdrückung dieser Bedürfnisse, sondern Aufschub, Aushalten der inneren Spannung, die aus dem Zustand der Nichtbefriedigung erwächst. Das kann man auch Opferbringen nennen. Um des anderen, oder um einer ganze Gesellschaft willen, verzichte ich, nehme ich mich heraus, gebe ich mich ein Stück weit auf. Jesus, der diese Haltung ganz verinnerlicht hat, ist der Inbegriff, das Role Model für den absoluten Verzicht und Opfer. 

Mit jedem Opfer und Verzicht machen wir uns verwundbar. Und damit machen wir genau das, was Gott in der Menschwerdung macht: Mensch werden, indem man Hingabe und Verletzbarkeit wagt. Es sind aber auch die Opfer der Überforderung und des Aushaltens in der Spannung des Familienalltags. Es ist das persönliche Opfer eines Verlusts durch psychische oder physische Gewalt, Krankheit oder Tod. Seine Nähe wandelt unser Opfer in eine neue Normalität. Diese ist aber nicht die Rückkehr zum alten, sondern die neue Wirklichkeit der Menschwerdung: Der Alltag bleibt gleich, unsere Haltung ist gewandelt. Doch wie bei den Heiligen Drei Königen braucht es bei uns die Hoffnung und die Sehnsucht, dass Gott unsere Situation und unser Leben wandeln möge. Eine solche Wandlung ist größer als die Allerweltsweisheit, sich selbst und die eigene Einstellung zu ändern, um gut durch das Leben und die Welt auch in schweren Momenten und bedrohlichen Situationen zu kommen. Es ist eine Verheißung Gottes, die am besten wohl im Buch Jesaja des Alten Testaments aufleuchtet:

Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel, Gott mit uns, geben.Die Bibel (Jes 7, 14)

Schriftzug „unendlich nah“

Immanuel. Der Name ist Programm. Er sagt, Gott ist mit uns in allem, was das Leben und wir sind. Was auf der Welt und in uns passiert. Das Gute und das Schlechte. Diese Nähe drückt mehr aus als Begleitung oder Bekanntschaft. Es ist ein Bund. Unendlich nah. Weil der unendliche Gott in Jesus diesen Bund ganz mit uns eingeht. Auch was wir in diesen Tagen erleben, können wir nur mit und durch die Nähe Gottes verstehen. „Wer an Gott als den Schöpfer glaubt, steht vor der herausfordernden Aufgabe, selbst die Risse, die durch die Schöpfung gehen, in den eigenen Glauben zu integrieren“, (Erzbischof Franz Lackner) und wie in einer Beziehung mit dem Partner oder Kind, die Nähe und das Mitsein Gottes immer wieder neu aufspüren und suchen. Das sind oft die kleinen Schritte. Die unscheinbaren Erlebnisse des Lebens und Glaubens. Das Unerwartete in einer scheinbar ausweglosen oder unvermuteten Situation.

Das Kleine im Großen, das Bestehen im Scheitern, das Leben im Tod, die Erfüllung im Ende. Das Leben Gottes kommt aus dem, was irdisch gering und bedeutungslos scheint, während das Große zerbricht und versinkt. Vielleicht können wir auch in der Situation der Welt, in der gerade vieles zerbricht und versinkt, eine Spur erkennen und einen Blickwechsel wagen. Das, was aus dieser Krise Bedeutung hat für unser Leben und Wachsen, ist vielleicht im Auge der Welt bedeutungslos, klein, nicht zu beachten, schon am Absterben. Dieser Perspektivenwechsel kann dann eine andere Haltung wachsen lassen, wenn es um die Frage geht, was ist das gute Leben und wann wird es gut.

Das gute Leben ist etwas anderes als guter Schlaf, eine gute Zeit, ein guter Film oder ein gutes Essen. Es ist der Glaube daran, dass es gut wird, auch wenn die Bedingungen unter denen unser Leben gerade steht, nicht mit dem herkömmlichen „Alles bestens“ oder „Sehr gut“ beschrieben werden können. Das gute Leben ist eines, das in der Probe immer noch von Gewissheiten getragen ist, die größer sind als die zeitweilige Wellness, der Genuss und die formidable Lebensversicherung.
Natürlich stellt die Krise Gewissheiten der modernen Zeit so elementar infrage, dass kaum jemand davon unberührt bleibt. Wir Menschen bekommen unsere eigene Verletzlichkeit vorgeführt. Das gute Leben gelingt, dann wenn es die eigene Verletzlichkeit und Unverfügbarkeit integrieren kann.

So gesehen passt Corona zur Advent- und kommenden Weihnachtszeit – Wochen, die immer schon als Übung in Demut und Verzicht gedacht waren. Auch deshalb spräche einiges dafür, das Fest in diesem Jahr erst recht zu würdigen. Das Kind in der Krippe: verloren, ungeschützt und doch nicht so allein, wie es zunächst einmal wirkt, das ist ein Bild, über das sich jetzt gut nachdenken ließe. Unendlich fern und einsam, aber trotzdem nah. In diese Krippe passen Ochs und Esel, eine nicht immer leichte Eltern- und Paarbeziehung und die Geschenke von Menschen, die das geben konnten, was sie gerade mit sich trugen. In diese Krippe passt heute genau das, was wir bringen können: unsere Ängste, Unsicherheiten, Überforderungen und Frustrationen, unser Verzicht und unsere Verluste. Um diesen Gedanken nachzuvollziehen muss man nicht gläubig sein. Aber wie viel mehr bedeuten diese Gedanken für jene, die es wagen, ihren Lebenskarren ganz an den Stern von Bethlehem zu spannen und diesen Gott ganz mit uns sein lassen. In beiden Fällen gilt die Zusage: „Sucht den Herrn: Er lässt sich finden. Ruft ihn an, denn er ist nahe.“

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