#2 Unendlich leer – trotzdem nah

Sie sind so ganz anders, die trotzdemnah-Plakate, die uns durch diese besondere Adventzeit im Corona-Jahr 2020 begleiten. Illustriert und lebensnah, das ist klar. Außerdem verbirgt sich das ein oder andere Detail dahinter. Unser Redakteur David Pernkopf wagt eine Annäherung und Interpretation.

Fenster und Stern: bleibende Motive

Auch in diesem Sujet prägen das Fenster und der Stern die Szene. Sie sind sozusagen die bleibenden Gestaltungselemente im ansonsten kargen und intimen Rahmen wie bei einem Kammerspiel. Nur die Personen und Requisiten ändern sich. Das Fenster ist wieder der Schwellenort zur Welt, in die der Zutritt gerade schwierig ist. Es ist Verbindung und Begrenzung zugleich. Der Sternenstaub holt die Nähe des Sterns wieder ganz in diese Szene herein. Damit soll die Nähe der Hoffnung und Verheißung angezeigt werden. Über diesem Zimmer bleibt der Stern stehen: Auch hier ist Gott.

Dunkelblaue Nacht

Die Szene des Sujets spielt wieder in der Nacht. Das Blau erinnert an Winternächte bei klarem Blick und gibt somit Weite und Perspektive. Manche Betrachter empfinden dadurch womöglich Kühle und Distanz. Eine melancholische Besinnlichkeit entsteht dadurch bei anderen. Die Stimmung soll für innere Einkehr und Nachdenklichkeit bei der Protagonistin der Szene sorgen. Sie lässt auch Empfindungen in Nachtstunden mitschwingen, die trotz Bedrängnis Hoffnung bedeuten: Ein Licht brach auf zur halben Nacht. Das Motiv der Nacht ist in den Advent- und Weihnachtstexten des Christentums von eminenter Bedeutung. Daran soll auch das Sujet erinnern.

Die Frau am Tisch

Wir wollen die verletzlichen Gruppen unserer Gesellschaft in dieser Zeit in die Mitte stellen. Eine Frau, ein Bild, ein leerer Stuhl. Die Leere ist spürbar. An alte Menschen, Kranke, Verstorbene kann hier gedacht werden. Einsamkeit durch Social Distancing schwingt mit. Die Leere ist nicht wegzumachen. Sie bleibt. Verluste und Entbehrungen (der leere Tisch) prägen die Szene. Die Ohnmacht der Leere trifft auf die Kraft der Erwartung und Verheißung. Die Klage des Psalmisten „Mein Begleiter ist nur mehr die Dunkelheit“, trifft auf die Verheißung Jesajas:

Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Ein zartes Licht strahlt dem Volk, aber auch jedem einzelnen.Die Bibel (Jes 9,1)

Hoffnung und Trost sind stärker als die Leere. Der Blick auf das Tablet, die leicht hoffnungsvolle Miene ist die mimische Regung als Antwort auf die Verheißung des aufstrahlenden Lichts durch den Stern am Fenster. Die Verheißung aus Jesaja wird in der Bergpredigt weitergeführt. Selig, die jetzt trauern, sie werden getröstet werden. Nicht wie, sondern dass sie getröstet werden ist entscheidend. Das ist dynamische Gottesherrschaft: Jetzt ist immer. Gott ist schon da. Der Mensch braucht sich nur zu öffnen. Wenn Gottesherrschaft einsetzt, dann kommt nicht die die große Ordnung in Welt und Leben; aber er bringt die Welt in Ordnung. Er setzt die Trauernden ins Recht, indem er ihnen Platz (Raum) gibt.

Das Tablet/Das Bild

Unsere Sujets arbeiten mit Gegenständen, in denen sich die Gefühle und Stimmungen des Jetzt vergegenwärtigen sollen. War es im ersten Sujet die Maske, so ist es hier das Tablet. Dieser Alltagsbegleiter unserer Tage schafft Nähe. Es verändert unser Verhältnis zum Raum positiv in Zeiten des Social-Distancing, weil es uns mit Menschen und Inhalten zusammenbringt, die wir eigentlich nicht erreichen können. Auch für die Dame im Bild. So kann eine Erinnerung, ein Foto oder auch die Website wie trotzdemnah.at darin aufscheinen. Trotz aller Annehmlichkeiten und Vorteile drückt es aber eine gewisse soziale und transzendente Obdachlosigkeit aus.

Unendlich leer?

„Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“, heißt es in einem Buch über unsere Zeit. Vielleicht drückt dieser Satz unsere Grundstimmung aus: Orte und Tageszeiten sind anders als sonst. Die Nächte sind von Wachen, Gedanken, Streit, Schreien und Ängsten laut. Die Tage sind eintönig, die Straßen leer, die Perspektive finster, Hoffnung zäh und das Warten ein Grundzustand in einer Welt der ständigen Bewegung. Viele würden das unterstreichen.
Unendlich leer erscheinen Geschäfte, Straßen, Terminkalender, Herzen und Zeit. Der Schriftzug „unendlich leer?“ nimmt diese Überlegungen mit hinein, gibt ihnen Bedeutung, aber will sie durch das Fragezeichen überschreiten. Trotz der Leere gibt es Nähe, Hoffnung und Trost.

Angesichts der Leere, der Entbehrung, des Verzichts und Verlusts müssen wir aber über die Verlässlichkeit unserer christlichen Worte und Bilder des Trosts wachen und um sie ringen. In ihnen steckt eine große Versuchung. Sowohl für die billigen und ebenso leeren Tröstungen als auch für das Hartwerden, die Frustration und den Zynismus. Das Stehen vor der Leere ist die Bewährungsprobe, die Karl Rahner so formuliert: „Glauben heißt nichts anderes, als die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten.“ Eine Auflösung dieser Spannung ist Weihnachten: Die Menschwerdung Gottes, die ihn verletzlich macht, entspannt unsere Rede von Gott in der Situation des Verlustes und der Trauer. Jesus kommt und bleibt nicht in der Fülle des irdischen Lebens, sondern er kommt und geht in einer konkreten Leere, Unsicherheit und Verletzbarkeit: „Wenn Gott sich so in das menschliche Leben hineinbegibt, dann setzt er sich allen Risiken aus, die seiner Schöpfung eingeschrieben sind. Der menschgewordene Sohn Gottes stellt sich der Gefahr der natürlichen, sozialen und kulturellen Zerstörung. Dass Gott sich so verhält ist erstaunlich. Denn Menschen wollen nicht verletzt werden.“ (Hildegund Keul, Weihnachten. Das Wagnis der Verwundbarkeit).

 
EDS Logo

Ihr Browser oder dessen Version ist veraltet und diese Seite damit nicht darstellbar. Bitte besuchen Sie unsere Seite mit einem aktuellerem Web-Browser. Auf der Webseite browsehappy.com finden Sie eine Auswahl an aktuellen Web-Browsern und jeweils einen Link zu der Herstellerseite.