Weihnachten – das Fest der Sehnsucht

Gott wirbt um uns Menschen; daran erinnert uns Erzbischof Franz Lackner in seinen weihnachtlichen Gedanken.

Liebe Schwestern und Brüder!

Was bleibt? Das ist die große Frage, die sich an Übergängen von Lebensabschnitten, besonders dringlich am Ende eines jeden irdischen Lebens und angesichts von Unsicherheit, Verlust, Verzicht oder Einsamkeit stellt. Diese Zeiten und Situationen lassen sich gut mit jener Krise vergleichen, die im 1. Buch Samuel geschildert wird. Dort heißt es: „In jenen Tagen waren Worte des HERRN selten; Visionen waren nicht häufig.“ Eine Zeit der Aussichtslosigkeit. Aber es gibt einen Hoffnungsschim-mer, denn „die Lampe Gottes war noch nicht erloschen“ (1Sam 3, 1.3). Welches Licht brennt in der Lampe Gottes?

Zwölf Jahre nach meiner Berufung hatte ich ein sehr eindrückliches Erlebnis. Ich war bereits ein gutes Stück den Weg als Franziskaner und Priester gegangen und war auf Wallfahrt unterwegs nach Mariazell. Dabei begleitete mich eben diese Frage: Was bleibt? Und was hatte bisher Bestand in meinem Glaubensleben? Auf dem letzten Wegstück, die Wallfahrtsbasilika bereits vor Augen, wurde mir klar: Das Bleibende war und ist die Sehnsucht; die Sehnsucht, Gott zu lieben und für die Menschen da zu sein.

Sehnsucht – Grundwort unseres Glaubens

Wie kein anderes Fest stellen uns Weih-nachten und vor allem die vorangehenden Tage der Adventzeit diese Sehnsucht als Grundwort des Glaubens vor Augen. Das Tagesgebet des 3. Adventsonntags spricht von uns Christen als einem Volk, „das mit gläubigem Verlangen das Fest der Geburt Christi erwartet.“ Zu Weihnachten gewinnt die fast verloschene Lampe Gottes wieder Strahlkraft. In Betlehem wird das Licht neu entfacht, Christus, die Sonne unseres Her-zens beginnt ihren Lauf, bis sie letztlich alles erleuchtet. Am 21. Dezember betet daher die Kirche: „O Morgenstern, Glanz des unversehrten Lichtes, der Gerechtigkeit strahlende Sonne: o komm und erleuchte, die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes!“

In Jesus hat die liebevolle Sehnsucht Gottes nach uns Menschen Fleisch angenommen. Weil Gott den Tod des Sünders nicht will (Ez 33,10) ist er, so schildert es die bewegte Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk Israel, nie müde geworden, um die Liebe der Menschen zu werben. Mit der Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth erreicht dieses Werben seinen unübertroffenen Höhepunkt. Gott, der im Himmel thront, dessen Fußschemel die Erde ist (Jes 66,1), wird Mensch. Ganz und gar. Von Anfang bis Ende. Er hat unter uns gewohnt im Schoß seiner Mutter, als hilfloser Säugling in der Notunterkunft, dem Stall von Bethlehem, als Mensch, der sich zutiefst erschüttern ließ vom Schicksal seiner Mitmenschen, als Ringender und Einsamer, als Gefolterter und qualvoll Sterbender am Kreuz, dem Ort der von Gott Verfluchten (Dtn 21,23). Begleitet wurde dieses Leben des Menschensohns von der Sehnsucht, dass Jesus „der sei, der Israel erlösen werde“ (Lk 24,21).

Früher endete die Weihnachtszeit mit dem Fest Mariä Lichtmess am 2. Februar. Das wurde nicht nur deutlich, weil der Weihnachtsschmuck bis zu diesem Datum unsere Kirchen und Häuser zierte. An diesem Tag konfrontiert uns das Tagesevangelium bis heute tatsächlich noch einmal mit zwei weihnachtlichen Gestalten: Hannah und Simeon. Sie sind voller Sehnsucht mit ihrer ganzen Existenz auf das Kommen des Erlösers ausgerichtet. Sie sehen die Erfüllung ihrer Sehnsucht in einem Säugling!

Ihr Erkennen geht also über die in diesem Moment erkennbare Wirklichkeit hinaus, es weckt eine neue Sehnsucht: An diesem Kind wird sich Gottes Herrlichkeit offen-baren, indem der scheinbar von Gott Verfluchte als erster der Entschlafenen aus den Toten auferweckt wird (1Kor 15,20).

Weihnachten ist das Fest der Sehnsucht, nicht das Fest der erfüllten Sehnsucht. Halten wir die, oft nur glimmende Sehnsucht, die über unsere Wirklichkeit und alles Nützlichkeitsstreben hinausweist, die jedem menschlichen Leben seine unauslöschliche Würde gibt, aus. Sie läuft nicht ins Leere, ins Nichts, löst sich nicht im Chaos von Terror, einer Pandemie oder politischer Debatten auf, sie hat ein lebendiges, persönliches Ziel, von dem der greise Simeon sagt: „Meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,30). Weil dieses Heil Mensch geworden ist, können wir bis heute die Frage „Was bleibt?“ so beantworten: „Gott mit uns“ (Mt 1,23). Diese Wirklichkeit wird vom Licht der Sehn-sucht in der Lampe Gottes beleuchtet, die auch in unseren Tagen nicht verloschen ist.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten!

Ihr Erzbischof Franz Lackner OFM

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