Predigt zu Mariä Empfängnis 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Advent ist eine Zeit des Wartens, der Besinnung und des Verzichtes. Die Liturgie wird in diesen Tagen von zwei biblischen Personen besonders geprägt; das ist einmal Johannes der Täufer, auch Vorläufer genannt. Ein mächtig auftretender Prophet; er scheute sich nicht, den Mächtigen zu widerstehen. Aber wenn es um den ging, den er vorausverkündigte, da konnte dieser Johannes der Täufer ganz sanfte Töne anschlagen:

„Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt, der nach mir kommt; ich bin nicht würdig, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen.“ (Joh 1, 26)

Oder an anderer Stelle bekennt dieser gewaltige Prophet:

„Er – Christus – muss wachsen, ich aber kleiner werden.“ (Joh 3, 30)

Das Wort, das ich als Leitmotiv für mein bischöfliches Wirken erwählt habe.

Die zweite Lichtgestalt in dieser adventlichen Zeit ist jenes junge Mädchen aus Nazareth namens Miriam – Maria. Ihrem Geheimnis nachzuspüren ist gar nicht leicht, zu sehr wurde ihr verborgenes Wirken Anlass für Über- wie Untertreibung. Für die einen kann man rechtens kein ordentlicher Christ ohne ihren Namen stets im Munde zu führen, für die anderen ist sie ein Wesen nicht unterscheidbar von dem, was allgemein so unter Menschsein läuft. Beide Auffassungen sind falsch. Die Wahrheit liegt auch nicht in der Mitte, sondern ganz woanders. Wie gesagt, ihrem Glaubensgeheimnis nachzuspüren ist nicht leicht; es braucht guten Willen, aber auch Demut.

Wir feiern heute die unbefleckte Empfängnis Mariens. Das wording „unbefleckt“ kommt im theologisch-kirchlichen Jargon gar nicht mehr vor. Es passt nicht in unsere Zeit. Was ist jedoch damit gemeint? Was will für den Glauben der Kirche Wichtiges damit bezeugt sein? Das zu verdeutlichen ist zu einem Gutteil Verdienst der Franziskaner. Der große Theologe und Philosoph Johannes Duns Scotus hat im Mittelalter schon darauf hingewiesen, dass es gut sei, dass die Kirche das Geheimnis der „conceptio immaculata“, so der lateinische Titel, in ihren gültigen Glaubensschatz aufnähme, was schließlich 1854 durch die Dogmatisierung definitiv geschehen ist. Höchst bedenkenswert ist seine Begründung. Diese wurde von den Schülern so zusammengefasst: „potuit – decuit – ergo fecit!“ Was heißt das?

Potuit: Gott konnte es!  Was konnte Gott? Ich möchte es mit einem Bild sagen. Gott konnte es, in einem Menschen ein kleines Stückchen Paradies zu bewahren, wo hinein er sein Wort von Menschwerdung so sprechen konnte, wie er es wollte und nicht wie er musste. Fragt man heute einen gestandenen Christenmenschen, warum ist Gott eigentlich Mensch geworden, so wird man mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit hören können: Gott ist Mensch geworden, um uns zu erlösen. Das stimmt; aber nicht ganz. Man müsste gläubig nachfragen, was ist jedoch das ursprüngliche Ansinnen Gottes Mensch zu werden? Auf diese Frage wird man mit Blick auf die ganze Offenbarungsgeschichte nur antworten können: Gott wurde Mensch aus Liebe zu uns Menschen. Gott hat den Menschen nie ganz verworfen; er war es nicht, der einen Schlussstrich gezogen hat; neuzeitlich ist das seitens der Menschen zuweilen versucht worden. Hingegen durchzieht die Geschichte Gottes mit dem Menschen so etwas wie ein goldener Faden, der sich in Maria als ein kleines Stückchen Paradies zeigt. Wo hinein Gott sein Wort der Menschwerdung ursprünglich sprechen konnte. Für Maria war das nicht leicht zu verstehen. Sie fürchtete sich, als der Engel bei ihr eintrat und die an sich Frohe Botschaft verkündete. Sie fragt – ängstlich -, wie soll das geschehen? Wie ist so etwas möglich? Der Engel antwortet: „Der Heilige Geist wird über dich kommen.“ Gott selbst ist es, der all das bewirkt. Maria lässt sich auf Gott ein; sie traut Gott das zu und bekennt:

„Ich bin die Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Liebe Schwestern und Brüder, was trauen wir Gott in unseren Tagen zu? In dieser schweren Zeit, da uns vieles genommen ist. Wir müssen gewiss unseren Anteil tun. Wie es Maria getan hat. Ihr Glaube hat ihr nicht einen leichteren oder direkteren Weg gewiesen. Schon die Geburt des angekündigten Sohnes brachte sie in große Bedrängnis. Außerdem: Mit dem, was sie in Nazareth erlebt und erfahren hatte, mit dem konnte sie nicht argumentieren oder gar streiten. Sie trug es in ihrem Herzen und dachte darüber. Und sie hat auf Gott vertraut. Vertrauen auch wir, wenn wir uns mit Einschränkungen abquälen müssen. Vertrauen auch wir, wenn uns Distanz, Trennung und Opfer abverlangt wird. Denn es ist nicht umsonst. Es hat einen Sinn. Es hilft der Gesundheit aller. Und:  Es geschieht unter den liebevollen Augen Gottes. Und wir dürfen vertrauen: es wird gut werden.

Nun zum zweiten Punkt: Decuit! Das wird gemeinhin übersetzt mit „es ziemte sich!“ Es ziemte sich, dass Gott Maria vom ersten Augenblick ihrer Existenz von Sünde bewahrt hat. Ich übersetze, es ist angemessen! Wem ist es angemessen, müssen wir fragen? Mit Scotus können wir sagen: Dem Menschen und zwar so, wie er von seinem Ursprung her gedacht und geschaffen ist: angelegt in Harmonie und Liebe mit Gott seinem Schöpfer zu leben. Menschsein bedeutet im Innersten mit Gott sein. In Maria ist uns dieser Durchblick auf die ursprüngliche Gutheit der ganzen Menschheit, wie diese von Gott her gedacht ist, gegeben. Das heißt: Die Sünde ist nicht das Erste und auch nicht das Wichtigste. Vielmehr steht am Anfang die göttliche Sehnsucht, ein Gott mit dem Menschen zu sein. Gottes Liebe ist ein Anfang ohne Ende.

So können zusammenfassen: Maria zeichnet aus, dass durch ihr „mir geschehe, wie du gesagt hast“ der alttestamentliche Gottesname Emmanuel, das bedeutet ja „Gott mit uns“ leibhaftig Wirklichkeit werden konnte. Papst Paul der VI hat wohl aus diesem Grunde Nazareth als die Schule bezeichnet, in der wir Christen und Christinnen unsere ureigene Prägung erfahren. Gehen wir in diese Schule; nehmen wir Maria, die Mutter Gottes, zum Vorbild; ahmen wir nach, was sie einzigartig vorgelebt hat. Unsere Zeit, diese Zeit der Pandemie, braucht dieses Zeugnis mehr als die vielen belehrenden Worte.

Die Herausforderungen sind groß. Wir werden nicht verfolgt, und dennoch stehen wir auch unter Bedrängnissen. Leid umgibt uns, wir können nicht Gottesdienst besuchen und feiern, wie wir es seit Jahrzehnten gewohnt sind. Die Welt hat eine Eigengesetzlichkeit. Ihre Regeln zu befolgen gehört auch zu den Aufgaben von uns gläubigen Christen und Christinnen. Ehrlich gesagt, es fällt mir schwer zu verstehen, dass man sich auch in kirchlichen Kreisen zuweilen so schwertut, auf Gutes zu verzichten. Advent ist eine Fastenzeit. Da gilt besonders: Gott ist mit uns. Er ist ein treuer Gott, tun wir das, was wir tun können und die Sehnsucht wird wachsen, weil Gott ist mit uns. Wie er in Jesus Christus in Nazareth weithin unerkannt mit den Menschen war. Wir haben so großartige Beispiele aus der Hl. Schrift, wenn wir aus dem Mund des leidgeprüften Hiob vernehmen: „Gott hat gegeben, Gott hat genommen. Gepriesen sei der Name des Herrn.“ Denn er ahnte wohl in größten Not: Gott ist mit mir.

Nehmen wir diesen hohen Festtag heute und die restliche Adventszeit zum Anlass, uns in dieser Gesinnung zu üben. Wie Maria, die nicht verstehen konnte, wie denn das geschehen soll, dennoch bekennen: Mir geschehe, wie du gesagt hast. Denn für sie galt, was für uns heute gilt

„Der Herr ist mit uns.“

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