Fürchtet euch nicht!

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Amt, liebe Pfarr- und PastoralassistentInnen, liebe haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!

Das Jahr 2020 wird sich tief in unsere Erinnerung einprägen. Herausfordernde Wochen und Monate liegen hinter uns, unsichere Zeiten noch vor uns. Sowohl das gesellschaftliche als auch das pfarrliche Leben war in der letzten Zeit von großer Unruhe geprägt: Immer wieder neue Covid-Regelungen haben längerfristige Planungen praktisch unmöglich gemacht. Gottesdienste und Veranstaltungen mussten teilweise mehrfach abgesagt und mit viel Aufwand neu geplant waren. Gruppen, die das kirchliche Leben stark mittragen, konnten sich mitunter über Monate hinweg nicht treffen. Die Frage steht im Raum, wie sich das Miteinander in unseren Pfarren durch die Pandemie verändern wird.

Die letzten Monate haben euch daher gewiss ein hohes Maß an Spontaneität, Durchhaltevermögen und Kreativität abverlangt. So ist es mir ein Anliegen, einige Gedanken und Anregungen zur gegenwärtigen Situation und darüber hinaus mit euch zu teilen. Zugleich mögen diese Zeilen ermutigen, aus dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes, das wir im Advent ersehnen und zu Weih-nachten feiern, neue Hoffnung zu schöpfen.

Die Kirche hat gerade in diesen Tagen – und das ist unsere Sendung – Anteil an den Verwundungen der Welt. Nicht nur die Welt liegt in Wunden, sondern auch die Kirche. Ich denke dabei in erster Linie an die vielen Priester, die vor allem in Italien verstorben sind, weil sie sich um Sterbende und Kranke gekümmert haben. Ich denke aber auch an eine Wunde ganz anderer Art: den erneuten Verzicht auf öffentliche Gottes-dienste, für nicht wenige ein echtes Opfer. Die Entscheidung dazu ist uns Bischö- fen nicht leichtgefallen. Sie wurde in einer Situation getroffen, in der nach einhelliger Meinung der Experten eine Überlastung des Gesundheitssystems, insbesondere der Intensivmedizin, drohte. Aus meiner Sicht war es da unangebracht, wie auf einem Bazar um möglichst geringe Einschränkungen bei Gottesdiensten zu feilschen. Unaufgebbar blieb für uns Bischöfe allerdings, dass Kranke und Sterbende besucht und in unseren Kirchen zumindest in kleiner Schar stellvertretend weiter-hin Gottesdienste gefeiert werden konnten.

In der legenda aurea wird überliefert, dem hl. Martin sei eines Nachts im Traum der Teufel in der Gestalt Christi erschienen. Doch der hl. Martin verfiel nicht dem Betrug und sagte: „Darum glaube ich nicht, dass er es sei, so ich ihn nicht in der Gestalt sehe, in der er litt, und die Wundmale der Kreu-zigung an ihm erkenne.“ Das gilt in analoger Weise für uns als Kirche. Auch wir sind aufgerufen, das „Fenster unserer Verwundbarkeit“ (Dorothee Sölle) offenzuhalten. Nur eine Kirche, die bereit ist, sich zugunsten  anderer verwunden zu lassen, ist auch als Leib Christi erkennbar.

Annehmen aus Sicht des Glaubens

Eine der gegenwärtig vordringlichen Aufgaben im Bereich der Verkündigung besteht m. E. darin, die Pandemie doch auch aus der Perspektive des Glaubens anzunehmen. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, das Virus nur als medizinisches Problem abzuhandeln. Was wir in diesen Tagen erleben, möchte sich im Lichte Gottes des Schöpfers gegenlesen lassen. Wer Gott als das große Geheimnis bekennt, aus dem alles hervorgegangen ist und in das alles zurückkehrt, muss auch „Ja“ sagen zu dem, was aus seinen Händen kommt. Dieser Gedanke ist tief beheimatet in der franziskanischen Tradition, der ich selbst entstamme. Beim hl. Bonaventura etwa lesen wir: „Der Vater hat durch sein Wort, das aus ihm her-vorgeht, sich und alles gesagt, denn in seinem Wort, das aus ihm hervorgeht, hat er sich selbst erklärt.“ Das heißt: In all dem, was aus dem Vater hervorgegangen ist, legt sich Gott aus.

Damit möchte ich gewiss nicht behaupten, das Corona-Virus sei eine Strafe Gottes. Die Schöpfung ist nicht einfach identisch mit Gott. Aber was in ihr geschieht, kann eben auch nicht von ihm abgelöst werden, als hätte es nichts mehr mit ihm zu tun. Wer an Gott als den Schöpfer glaubt, steht vor der herausfordernden Aufgabe, selbst die Risse, die durch die Schöpfung gehen, in den eigenen Glauben zu integrieren. Dazu ist vor allem eines nötig: Es gilt, sich immer wieder neu einzuüben in das Vertrauen, dass Gott für alles, was er uns zumutet, einen Sinn bereithält. Ich bitte euch von Herzen, die Menschen, für die ihr Sorge zu tragen habt, dabei nach Kräften zu unterstützen. Üben wir uns darin, alles, was uns widerfährt, aus der Hand Gottes entgegenzunehmen, auch dann, wenn es nicht von Gott kommt.

 Für die Vorbereitung und Feier des diesjährigen Weihnachtsfestes scheint mir ein Hinweis wichtig, den der hl. Ignatius in einem Exerzitienbuch gibt: Wer sich dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes nähern will, soll mit dem bewussten Wahr-nehmen der Welt beginnen, und zwar der Welt, wie sie wirklich ist (vgl. Geistliche Übungen, Nr. 106). Diesem Rat dürfen wir gewiss folgen. Scheuen wir uns nicht, auch die Verletzlichkeit und Zerrissenheit unserer Welt zum Ausgangspunkt für unser adventliches und weihnachtliches Beten und Denken zu machen. Gott nimmt im Stall von Bethlehem nicht eine ideale Welt als die Seine an, sondern die Welt, wie sie tatsächlich ist. Und das heißt auch: Er nimmt sie an, wie sie sich heute zeigt: eine Welt, die geplagt ist von der Covid-Pandemie; eine Welt, in der auch medizinische Experten nicht mit letzter Sicherheit wissen, wie man dieser Situation entgegentreten kann; eine Welt, in der der Schutz des menschlichen Lebens bis zu seinem natürlichen Ende keine Selbstverständlichkeit mehr ist; eine Welt, in der sich immer weniger Menschen für den Glauben interessieren. All dies ist im Geheimnis der Menschwerdung mit angenommen.

Unsere Welt – von Gott angenommen

Gerade in diesem Jahr dürfen wir uns neu bewusstmachen: Gottes Kommen in die Welt war kein einmaliges Ereignis in der Vergangenheit. Seine Menschwerdung vollzieht sich je neu in das Heute hinein. Gerade unsere Welt – so armselig sie auch sein mag – ist von Gott angenommen. Er hat sie zu seiner gemacht. Das ist die tröstende Botschaft des Weihnachtsfestes, die uns in diesen schwierigen Tagen neue Hoffnung zu schenken vermag.

Wir stehen in einer gemeinsamen Verantwortung für das Reich Gottes. Als Bischof gehört es zu meinen Aufgaben, danke zu sagen: für jedes Bemühen, für das Aushalten der Ohnmacht und die heilsame Präsenz vor Ort für die Menschen, aber auch für euren Einsatz und euer Engagement. Ein aufrichtiges Vergelt’s Gott!

Ich schließe mit dem Gruß der Engel an die Hirten (vgl. Lk, 2, 10 f.): Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude. Uns ist ein Retter geboren!

Gesegnete Weihnachten!

Ihr Erzbischof Franz Lackner OFM

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