Himmlische Tugenden

In seinen Fastengedanken beschäftigt sich Erzbischof Franz Lackner mit den himmlischen Tugenden.

Wohlwollen

Die höchste Auszeichnung im Jiddischen ist es, wenn man über jemanden sagt: „Das ist ein Mensch.“ Wohlwollen (lat. Humanitas) ist ein Zeichen des damit gemeinten wahren Menschseins. 

Wenn wir unser Menschsein von Gott her betrachten und um den göttlichen Geist wissen, der in uns gelegt ist, sollte uns dies zu wohlwollenden Menschen machen. Denn der Heilige Geist ist in jedem Menschen gegenwärtig, ohne ihn gäbe es kein Leben. So ist in jedem das Gute grundgelegt. 

Es ist ein beschämendes Zeichen unserer Zeit, dass in Debatten in der Regel von der schlechten Absicht des Gegenübers ausgegangen wird. Es scheint gar nicht im Bereich des Möglichen zu liegen, dass auch jemand mit einer anderen Meinung eigentlich das Gute will. Eine gemeinsame Suche nach der ewigen Wahrheit unseres Seins wäre hier der Weg. An die Stelle der Wahrheitssuche tritt aber der Machtkampf. Gewonnen hat, wer die andere Stimme unhörbar gemacht hat. So hat der Neid, das Gegenteil des Wohlwollens, gewonnen. Der Neid zeigt sich nämlich meist darin, dass man jemanden etwas nicht gönnt oder zutraut. 

Gegenseitiges Wohlwollen aber sieht und sucht das Gute im anderen. Es kann Brücken bauen, selbst, wo man es nicht für möglich hielte.

Fleiß

Wir kennen Momente der Trägheit, die immer länger werden und sich wie Fesseln um uns legen. Aus einem zunächst wohligen Gefühl des Nichtstuns wird ein Gefühl der Leere, der Sinnlosigkeit. Dafür gibt es eine Medizin: die Tugend des Fleißes.

Etwas schaffen und es gut machen, Samen aussäen und etwas ernten, selbst produzieren und nicht das Produkt anderer sein … dies alles bringt uns mit dem Sinn unseres Lebens in Verbindung, weil es uns Gott näherbringt und sogar ähnlich macht. In der schöpferischen Arbeit werden wir zu Mitarbeitern des Schöpfer-Gottes.

Überraschend an fleißigen Menschen ist die Ruhe, in der sie Dinge angehen. Sie konzentrieren sich auf die gerade gegenwärtige Aufgabe, geben nicht auf, bleiben bei der Sache, bis sie zu einem guten Ende kommt. So ist Fleiß nicht nur in der Arbeit, sondern in allen Lebenssituationen ein wertvolles Werkzeug, er bringt Dinge zu einem guten Ende.

Der hl. Josef, „dieser unauffällige Mann, dieser Mensch der täglichen, diskreten und verborgenen Gegenwart“ (Papst Franziskus) soll uns an seinem Fest (19. März) und in diesem Josefsjahr (bis 8. Dezember) ein Fürsprecher sein, auf dass wir körperlichen und geistigen Fleiß lernen und so unser Ziel erreichen.

Caritas

Caritas bedeutet Liebe. Die Liebe ist durch und durch menschlich. Sei es in der Hochkultur oder in der Popkultur, im Drama oder in der Komödie, sei es das Leben der so genannten „Oberen Zehntausend“ oder der von Gott zu Erben erwählten Armen (Jak 2,5): es ist die Liebe, aus der wir leben, sie ist es nach der wir suchen. Nichts macht uns Menschen so gleich, wie die Liebe.

Eine Ahnung von ihrer Kraft gibt uns das Hohelied Salomos: „Stark wie der Tod ist die Liebe … auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen“ (Hld 8,6 f.). Ja, die Liebe ist durch und durch menschlich und daher auch wahrhaft göttlich. Es wird uns klar: Die Liebe ist nicht nur eine Tugend unter anderen. Sie ist die Grundlage allen Lebens und guten Handelns, denn Liebe bezeichnet, inwieweit wir in Gott sind und Gott in uns ist. Denn „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,16).

In unserem Wesen die Liebe zu haben, bedeutet, durch, mit und in Gott zu leben. Wenn wir diese Liebesbeziehung erkennen und aus ihr heraus handeln, dann leben wir die Caritas. Denn genauer beschreibt Caritas die Liebe, die zur Tat wird. Wir haben vor Gott einen unschätzbaren Wert, sind ihm lieb und teuer. Die Caritas, die Liebe, zu leben bedeutet es Gott gleich zu tun, ja gleich zu werden.

Mäßigung

Musikalische Menschen sagen: die Pausen bestimmen die Tiefe eines Stückes mindestens im gleichen Maß wie die Noten, die Melodie, die Harmonie. Sie sind wie ein Innehalten, das erst Spannung erzeugt, sie sind wie das Stocken des Atems vor einem Seufzer. Diese Pausen in der Musik sind wie ein Bild dafür, was die Tugend der Mäßigung ausdrückt.

Mäßigung meint gerade nicht Mittelmäßigkeit. Antriebslos, ohne Perspektive, ohne Sehnsüchte, Hingabe und Träume zu leben ist keine Tugend, sondern erschreckend und traurig. Nur ein feuriger Mensch kann wahrlich mäßig sein. Es ist mein Feuer, in das ich Maß bringen muss. Wofür ich lebe und brenne braucht dieses Innehalten, das Spannung und Leidenschaft aufbaut und mir einen klaren Blick ermöglicht. Würde das Feuer in mir ununterbrochen lodern, würde es zu einer Sucht. Meine Gedanken würden zur alles bestimmenden Ideologie, meine Fähigkeiten und Interessen zu einer Manie. Das Erschreckende an der Sucht ist gerade, dass sie nicht glücklich macht, keinen Frieden schenkt – nicht be-fried-igt.

Der heilige Augustinus hat das Wort der sobria ebrietas, der nüchternen Trunkenheit geprägt: Erst durch die Mäßigung, durch die richtigen Pausen in der Symphonie meines Lebens und der Schöpfung, können wir klar sehen, das Feuer vor dem Erlöschen bewahren, den richtigen Weg finden.

Patientia – Geduld: auf Gott vertrauen

Geduld hat für uns meist den Beigeschmack von Erdulden, passives Hinnehmen. Aber Geduld erfordert eine aktive Entscheidung.

Geduld mit einem Menschen zu haben bedeutet, das Schwierige und Unvollkommene des Gegenübers auf sich zu nehmen, damit dieser die Zeit bekommt umzukehren, neue und gute Wege zu finden. Geduld mit den eigenen Lebens-umständen zu haben bedeutet, auf Gott zu vertrauen. Geduld bedeutet das Leben als ein Auf-dem-Weg-Sein zu erkennen.

So lange wir leben, sind wir noch nicht angekommen. Ich selbst, andere Menschen, Situationen und Beziehungen sind nie ganz fertig. Sonst wären sie starr und somit tot. Wenn wir einen Menschen oder eine Situation als nicht mehr wandelbar ansehen, machen wir uns selbst zu Richtern, die Urteile der Hoffnungslosigkeit sprechen. Wo das Urteil schon gefallen ist, verbauen wir unsere Zukunft.

Leben wir mit Geduld, dann ziehen wir nicht vorschnell Bilanz, sondern überlassen diese dem, der als Einziger das Ganze überblickt. SEIN Urteil ist nicht abschließend, sondern eröffnet neue Wege und schenkt uns Zukunft in jeder Situation. Den Weg zum Kreuz kann man als den Weg der Geduld Gottes mit uns sehen, ohne den es für uns keine Auferstehung geben würde.

Demut – Mut zum Dienen

„Es bräuchte mehr Anstand“, hört man öfters nach Debatten, in denen die Würde des Gegenübers nicht geachtet wurde. Was hier vage mit Anstand bezeichnet wird nannte man einst „Tugenden“. Das Wort kommt von „taugen“. Darüber nachzudenken, was für Leben und Glauben taugt, möchte ich mich in der heurigen Fastenzeit anschicken.

Die erste der sieben himmlischen Tugenden ist die Demut, der „Mut zum Dienen“. Demütig zu sein meint nicht einfach sich klein zu machen, sondern ist eine grundlegende Entscheidung: Ist das Leben ein Geschenk, das wir umsonst bekommen haben und weiterschenken (Mt 10,8) oder ist es ein Besitz, den es zu verteidigen und auszubauen gilt, koste es was es wolle? Es ist natürlich, das eigene Leben für sich zu behalten, es gut zu präsentieren und etwas aus sich zu machen. Jedoch hat Gott nicht nur etwas aus uns gemacht, sondern er hat uns geschaffen. Wir sind weder Verursacher noch Vollender oder Beherrscher unseres Lebens, geschweige denn des Lebens anderer. Es wurde uns geschenkt und wir sind dazu berufen, Leben zu ermöglichen und zu bewahren. Dazu braucht es Mut zur Demut.

Die Berufung zum Kleriker (Bischof, Priester, Diakon) etwa ist keine Auszeichnung der eigenen Person, sondern ein Auftrag zu dienen und das Leben zu teilen, damit alle Menschen leben können. Jesus Christus aber ist unser Leben! Deshalb ist die Verantwortung des Klerus, Jesus zu teilen: durch Gedanken, Worte und Werke, durch die Sakramente, durch die Art, wie wir Menschen anblicken und annehmen, um wie Johannes zu erkennen, dass wir kleiner werden müssen, damit er wachsen kann in uns und durch uns (vgl. Joh 3,30). Hochmut ist daher keine Option, Mut zum Dienen aber macht uns zu einem Abbild Christi.

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